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Ist Weiterbildung zwecklos? 28/07/10

Eine Replik auf provokante Thesen von Constantin Sander. Menschen können sich doch sowieso nicht ändern. Da hilft auch Weiterbildung und Beratung nichts. Nach dem Boom der Ratgeber, kommt nun der Boom der Miesmacher. Warum Veränderung oft so schwer ist und wie es trotzdem geht, erklärt Coach Dr. Constantin Sander.


Kennen Sie den Jojo-Effekt? Den gibt es nicht nur beim Abnehmen, wenn das Fett nach erfolgreicher Diät ruckzuck wieder da ist. Den gibt es auch bei mentalen Veränderungsprozessen. Da haben wir das Zeitmanagementseminar motiviert verlassen und nach spätestens drei Wochen sind wir wieder in den alten Routinen. Der innere Schweinehund war stärker! Business as usual.

Und weil das so ist, steht seit einiger Zeit Beratung auf dem Prüfstand. „Die Weiterbildungslüge“, „Beraten und verkauft“, „Die große Abzocke“ sind einige der Buchtitel, die eine ganze Branche in Frage stellen. Ist Beratung tatsächlich nutzlos und Coaching Heuchelei, wie die Beratungskritiker behaupten? Und weiter gefragt: Können wir uns überhaupt verändern oder sind unsere Denk- und Verhaltensmuster ein- für allemal in unser Gehirn eingebrannt wie ein festes Programm?

Auf Brain 2.0 upgraden?

Der Weiterbildungsfrust rührt oft von der Erwartung, dass wir nur ein paar neue Kenntnisse erwerben müssen, ein paar Techniken lernen – und schon läuft unser Gehirn mit der neuen Software. Dass dies ein Irrtum sein muss, können wir erahnen, wenn wir uns klar machen, wie viel wir unbewusst und intuitiv tun. Angefangen beim Autofahren (wer denkt noch beim Schalten nach?) bis hin zu unserer Alltagskommunikation. „Unser Gehirn ist ein Organ, mit dem wir denken, dass wir denken“, stellte der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce schon im vorletzten Jahrhundert fest.

In der Tat, unser Bauch dominiert unserem Kopf und Emotionen steuern uns mehr, als uns manchmal lieb ist. Das hat seinen Sinn, denn unser unbewusstes Erfahrungsgedächtnis ist wesentlich komplexer als unsere bewusste Erinnerung und so weiß es auch meist besser, was für uns gut ist. Zumindest vordergründig. Es bestimmt aber tiefgründig unsere Motivationen, unser inneres Wollen. Und genau das wird in der Beratung oft vergessen.

Wir wissen meist, was wir tun und durch Weiterbildung lernen wir, wie Dinge besser getan werden können. Aber das „warum“ dahinter, die Motivation bleibt meist außen vor. Und da liegt das Problem.
Jeder Mensch hat erlernte motivationale Schemata, die ihn entweder „weg von“ oder „hin zu“ etwas führen. Entsprechend prägen Bedenken und Ängste oder Neugier und Mut unser Verhalten. So nützt Weiterbildung meist wenig, wenn sie die Motivationen von Menschen nicht berücksichtigt.

Upgrade auf Brain 2.0 kann also nicht gut gehen. Unser Gehirn ist keine Datenverarbeitungsmaschine sondern ein Erfahrungsverarbeitungsorgan.

Weiterbildung muss sich ändern

Überall dort, wo Motivationen von Menschen berührt sind, ist das Vermitteln von Informationen, Kenntnissen und Fertigkeiten nur die halbe Miete. Schon der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry sagte: „Es ist nicht das Schiff, das durch das Schmieden der Nägel und Sägen der Bretter entsteht. Vielmehr entsteht das Schmieden der Nägel und Sägen der Bretter aus dem Drang nach dem Meere und dem Wachsen des Schiffes.“

Anders formuliert: Es kommt nicht so sehr auf das „Was“ und das „Wie“ an, sondern wir müssen uns mehr auf das „Warum“ konzentrieren, auf unsere Antriebe und Motivationen. Was aber motiviert Menschen? Antwort: Vor allem das, was sie positiv berührt. Da geht es darum, Neugier zu wecken, sie zu inspirieren und vor allem darum, eigene und positive Erfahrungen zu machen.

Gut, wenn jemand weiß, was er tut und wie er es am besten tut. Viel besser ist es, wenn er auch weiß, wofür er es tut. Dies ist nicht nur der Dreh- und Angelpunkt von Weiterbildung und Personalentwicklung, sondern auch der Kern effektiver Führung. Wer es schafft zu inspirieren, Menschen neugierig zu machen, ihr Selbstwertgefühl zu unterstützen, ihnen Verantwortung zu übertragen, stützende soziale Bindungen aufzubauen, der wird mit Führung erfolgreicher sein als der Eselstreiber.

Menschen ist die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen angeboren. Unser Gehirn wird so, wie wir es benutzen und es macht nichts lieber als zu Lernen: Letzteres ist aber mehr als Wissensvermittlung, sondern ein Prozess realer Erfahrung. Daher sind als Weiterbildungsformat Workshops und Coachings meist effektiver als Seminare und gute Ratschläge von Consultants, direkte Konfrontationen mit Aufgaben lehrreicher als das Darstellen und Reflektieren fiktiver Fälle. Was uns berührt, das bewegt uns. Und je häufiger wir neue Wege gehen, um so eher werden aus Trampelpfaden Autobahnen. Je konkreter Weiterbildungsstoff erfahrbar ist und je eher Motivationen von Menschen positiv berührt werden, umso effektiver kann Weiterbildung oder Coachung wirken.

Foto © Fotolia.com

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Constantin Sander

Über den Autor

Constantin Sander schrieb 2 Artikel auf Freelancerwissen.

Dr. Constantin Sander hat acht Jahre Forschung und neun Jahre Marketing und Vertrieb als Background. Er ist Business-Coach in Heidelberg. Kürzlich hat er sein Debüt als Buchautor präsentiert: „Change! Bewegung im Kopf“, ist Ende Mai bei BusinessVillage erscheinen.


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2 Kommentare zu diesem Eintrag

 
prh Januar 19, 2011 Antwort

Lese ich das richtig:

Eine Replik auf provokante Thesen von Constantin Sander. Menschen können sich doch sowieso nicht ändern. Da hilft auch Weiterbildung und Beratung nichts. Nach dem Boom der Ratgeber, kommt nun der Boom der Miesmacher. Warum Veränderung oft so schwer ist und wie es trotzdem geht, erklärt Coach Dr. Constantin Sander.

Da antwortet Herr Sander auf seine eigenen »provokanten Thesen«?

 
Constantin Sander April 28, 2011 Antwort

Nein, so war das nicht zu verstehen. Es geht um die Thesen in den genannten Büchern. Wäre aber auch mal eine Maßnahme, eigene Thesen zu kritisieren. Sollten wir alle gelegentlich mal üben.

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